Von wegen „nur mal gucken“
Helga hatte mich nicht einfach zu einem samischen Treffen eingeladen – sie hatte mich als Ehrengast angekündigt. „Er interessiert sich brennend für unsere samischen Traditionen!“, sagte sie stolz, während ich mich verstohlen fragte, ob ein Joik etwas zu essen sei.
Plötzlich trat ein alter Mann mit einem Bart, der so lang war, dass er wahrscheinlich einen eigenen Pass hatte, auf mich zu. „Willkommen in der Familie!“, rief er und drückte mir ein Rentiergeweih in die Hand. Ich lachte höflich – ein Fehler, wie sich bald herausstellte. Lachen ist im Kontext samischer Riten offenbar das internationale Zeichen für „Ja, ich bin bereit, mich mit eurem Vieh zu verloben.“
Rentier-Verlobungen und andere Missverständnisse
Am nächsten Morgen weckte mich Helga mit den Worten: „Du solltest Deine zukünftige Schwiegermutter kennenlernen.“ Ich dachte, sie scherzt. Sie scherzte nicht. Ich traf eine sehr ernste Frau mit einem sehr ernsten Messer und einem Pullover, der eindeutig aus dem 14. Jahrhundert stammte. „Er sieht kräftig aus“, sagte sie. Ich nickte höflich und versuchte mich zu freuen, dass ich anscheinend als Zuchttier eingestuft worden war.
Im Hintergrund graste „meine Braut“. Ein Rentier namens Silmu. Sie hatte besonders schöne Hufe, sagte man mir, was in samischen Traditionen anscheinend einem Victoria’s-Secret-Engel entspricht. Ich sah Silmu an. Silmu sah mich an. Es war der Anfang einer sehr einseitigen Beziehung.
Der große Fluchtversuch
Du glaubst gar nicht, wie schwer es ist, sich in Schneeschuhen davon zu schleichen. Ich versuchte es – wirklich. Aber jedes Mal, wenn ich mich vom Lager entfernen wollte, sang jemand ein Joik, und ich wurde höflich aber bestimmt wieder zurückgejoikt.
Am dritten Tag war die Situation eskaliert: Ich stand im Mittelpunkt eines Rituals, bei dem ich angeblich den „Geist des Waldes“ um Erlaubnis bitten musste, mit Silmu den heiligen Pfad der Verbundenheit zu beschreiten. Ich wollte einfach nur ein warmes Bad. Stattdessen tanzte ich barfuß im Schnee, während ein Schamane mir kalten Fisch auf die Stirn drückte.
Rückkehr in die Zivilisation (mit bleibenden Schäden)
Ich entkam schließlich – und zwar dank einer Gruppe japanischer Touristen, die mich für ein samisches Fotomodell hielten und mich in ihren Bus luden. Ich weiß nicht, was aus Silmu wurde, aber ich wünsche ihr nur das Beste. Vielleicht hat sie inzwischen jemand anderen gefunden – jemanden mit besseren Hufen.
Seitdem spreche ich nur noch im Flüsterton über samische Traditionen. Helga ist mittlerweile mit einem norwegischen Holzbildhauer zusammen, was für alle Beteiligten wahrscheinlich das Beste ist.
Aber manchmal… nur ganz manchmal… höre ich nachts ein leises „joik“ im Wind – und dann bekomme ich Lust auf kalten Fisch. Man sagt, gewisse samische Traditionen hinterlassen Spuren in der Seele. Ich sage: Vor allem im Schuhwerk.
Fazit: Wenn Dir jemals jemand sagt: „Komm doch mit, das wird kulturell bereichernd!“ – dann frag vorher, ob Tiere involviert sind. Und ob man sich verloben kann, ohne es zu merken.