…oder: Mein heroischer Versuch, den Dom von Lund zu besichtigen
Es begann wie jeder große Irrtum: Mit einem Touristenführer
Du wachst auf, atmest die frische Luft Schwedens ein und denkst: „Heute werde ich den Dom von Lund besichtigen.“ Genau in diesem Moment geht alles schief.
Ich hatte mir extra ein Prospekt besorgt – auf dem stand sinngemäß: „Lund ist alt, schön und hat einen Dom.“ Wunderbar, dachte ich. Ein Dom. Mit Bögen. Und Steinen. Und Geschichte. Ich liebe Geschichte. Meistens.
Zwei Minuten später stand ich also, stolz wie ein König mit Google Maps in der Hand, vor einem mittelgroßen Backsteingebäude, das sich als Bibliothek entpuppte. Ich streichelte die Fassade, als plötzlich ein Mitarbeiter durch die Tür trat und mich fragte, ob ich Hilfe brauche. Ich sagte, ich würde den Dom von Lund besichtigen wollen, woraufhin er mir auf Schwedisch antwortete – oder es war Finnisch. Oder Klingonisch. Jedenfalls wedelte er in eine völlig andere Richtung, als mein Handy angezeigt hatte. Und mein Handy hatte sich bei dem Versuch, sich auf schwedisches Terrain einzulassen, ohnehin bereits in einen Taschenwärmer verwandelt.
Ein Dom, zwei Rentner und ein philosophischer Abgrund
Nach einem ungefähr dreiviertelstündigen Orientierungsmarsch durch fünf schwedische Pastellviertel und einen botanischen Garten, der definitiv nicht auf dem Weg lag, erreichte ich endlich den Dom von Lund. Monumental, ehrfurchtgebietend – und eingerüstet.
Ein Schild am Eingang informierte mich darüber, dass der Dom heute leider geschlossen sei – wegen einer mysteriösen „Orgelkalibrierung“. Ich weiß bis heute nicht, was das ist. Ich vermute eine Mischung aus Exorzismus und Feintuning.
Ich setzte mich entmutigt auf eine Bank vor dem Eingang, wo bereits zwei schwedische Rentner saßen, die offenbar dieselbe brillante Idee gehabt hatten wie ich: Dom gucken. Einer von ihnen – ich nenne ihn Lars, weil er so aussah – kaute auf einem belegten Brötchen herum, das ausschließlich aus Fisch zu bestehen schien. Der andere, nennen wir ihn Börje, stellte fest: „Dom är alltid stängd när turister kommer.“ Ich nickte zustimmend. Alles, was nach „immer geschlossen“ klingt, fühlte sich korrekt an.
Der Vorfall mit dem Zeitloch
Gerade, als ich mich mit dem Gedanken abgefunden hatte, keinen inneren Blick auf den Dom von Lund zu erhaschen, bemerkte ich etwas. Ein Nebeneingang. Offen. Vielleicht.
Ich schlich mich heran, so dezent, wie man sich eben mit quietschenden Turnschuhen auf Granit anpirschen kann. Und tatsächlich: Die Tür war offen! Also trat ich heldenhaft ein, trat zwei Sekunden später auf eine lose Fliese und flog in einer majestätischen Pirouette über einen Eimer mit Kalkwasser – direkt in eine mittelalterliche Wandprojektion, die mich in eine virtuelle Zeitreise katapultierte.
Ich schwöre: Für einen kurzen Moment war ich im 12. Jahrhundert. Ich unterhielt mich mit einem Mönch namens Björn, der mir erklärte, dass der Dombau eigentlich nur begonnen wurde, weil der Bäcker gegenüber mehr Kundschaft wollte. Dann kam der virtuelle Sicherheitsdienst und schob mich wieder raus.
Der Souvenirshop des Grauens
Zurück in der Realität suchte ich Trost im angrenzenden Souvenirshop. Dort wollte man mir für 220 Kronen eine Miniaturversion des Doms verkaufen, die originalgetreu genauso eingerüstet war wie das große Vorbild. Ich fragte, ob es auch eine Version ohne Baugerüst gäbe, woraufhin die Verkäuferin traurig den Kopf schüttelte und sagte: „Nej. Så har den alltid varit.“
Ich kaufte stattdessen eine Postkarte mit einem Foto aus dem Jahr 1974, auf dem man zumindest ahnen konnte, wie der Dom von Lund in freier Wildbahn ausgesehen haben könnte – vor der Ära der Orgelkalibrierung.
Fazit eines kulturell Überforderten
Würde ich den Dom von Lund noch einmal besichtigen? Ja, mit Helm, Kompass, Schwedisch-Wörterbuch und einem Exorzisten für die Orgel. Es war nicht nur ein kulturelles Erlebnis, sondern auch ein intensives Selbstfindungsseminar mit architektonischem Unterton.
Aber eins kann ich sagen: Ich habe den Dom von Lund besichtigt. Also so halb. Und in dieser modernen Welt der Illusionen und Baustellen reicht das völlig aus, um es auf Instagram zu posten.